Wir hätten uns ja denken können, dass das Über-den-Haufen-Werfen von Wettbewerbsergebnissen durch Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeld beim Molkenmarkt kein EInzelfall war. Gestern wurde bekannt, dass nun kurz vor Ende der Legislatur dies auch beim Lutherdenkmal vor der St. Marienkirche auf dem Rathausforum/ Marx-Engels-Forum geschieht, wie die Sieger des einstigen Wettbewerbs von 2016 – das Team Albert Weis und Zeller & Moye – informierten. SIe schreiben in ihrer Pressemitteilung:
Nach fast zehn Jahren Planung hat die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die Realisierung des neuen Lutherdenkmals am Rathausforum gestoppt. Statt den 2016 in einem internationalen Wettbewerb ausgezeichneten Siegerentwurf umzusetzen, wurde Anfang 2026 ein neues Vergabeverfahren gestartet. Wie nun bekannt wurde, soll jetzt stattdessen der Entwurf des Büros BASD Architekten mit Maria Vill und David Mannstein realisiert werden.
Der Entwurf des Berliner Künstlers Albert Weis und des Architekturbüros Zeller & Moye verbindet die historische Lutherfigur des im Krieg zerstörten Denkmals mit einer zeitgenössischen künstlerischen Interpretation. Ein begehbares Lichtraster mit Zitaten bedeutender Persönlichkeiten sollte Vergangenheit und Gegenwart miteinander in Beziehung setzen. Die Jury hatte das Projekt 2016 einstimmig zur Realisierung empfohlen.
In den folgenden Jahren wurden Finanzierung, technische Fragen und inhaltliche Aspekte gemeinsam mit der Senatsverwaltung und der Evangelischen Kirche geklärt. Testanlagen wurden erfolgreich erprobt, Vertragsentwürfe ausgearbeitet, und 2021 wurde das Projekt final zur Umsetzung empfohlen.
Umso überraschender kam die Entscheidung der Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt, das Verfahren zu stoppen und einen neuen Wettbewerb auszuschreiben. Als Begründung werden heute vergaberechtliche und technische Gründe angeführt. Als Urheber des Siegerentwurfs weisen wir diese Darstellung zurück. Die genannten Argumente sind vorgeschobenen. Die jahrelangen Verzögerungen wurden vor allem durch die evangelische Kirche, die Senatsverwaltung und institutionelle Zuständigkeitsfragen verursacht.
Besonders kritisch sehen wir, dass die neue Ausschreibung zentrale Ideen des prämierten Entwurfs faktisch ausschließt. Während der Siegerentwurf eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit Luther und seinem Erbe suchte, sollen nun ausdrücklich weder theologische noch weitergehende inhaltliche Fragen behandelt werden. Dies ist eine deutliche Abkehr von einem zeitgenössischen und gesellschaftlich relevanten Denkmal zugunsten einer rein dekorativen Integration der historischen Figur in die künftige Parkgestaltung.
Für zusätzlichen Unmut sorgt die Rolle der Senatsbaudirektorin selbst: Ihr früheres Architekturbüro hatte sich 2016 mit einem eigenen Entwurf am Wettbewerb beteiligt, der bereits in der ersten Runde ausschied. Nun verantwortet sie als Senatsbaudirektorin ein Verfahren, das den damaligen Siegerentwurf beendet und ihr zugleich weitreichenden Einfluss auf die Auswahl eines neuen Konzepts verschafft. Die Senatsbaudirektorin wählte das sog. VGV-Verfahren, in dem sie faktisch selbst die Auswahl der Wettbewerbsbeteiligten wie auch das Wettbewerbsergebnis bestimmen konnte. Eine Jury gab es nicht. Auch die Senatsverwaltung für Kultur sowie Berufsverbände sind in das Verfahren nicht eingebunden. Als externer Sachverständiger ist lediglich ein Vertreter der Stiftung St. Matthäus im Beratungsgremium vertreten. Die Senatsbaudirektorin ist selbst Mitglied im Kulturbeirat der Evangelischen Kirche, der bei St. Matthäus angebunden ist. Sie ist auch Mitglied des Kuratoriums des Berliner Doms. Die Nähe der Senatsbaudirektorin zur evangelischen Kirche, in der es im Hintergrund vermutlich Widerstand gegen die Realisierung des 1. Preises gegeben hat, könnte nicht größer sein.
Für uns als betroffene Urheber des Siegerentwurfs aus dem Jahr 2016 ist der Vorgang ein kulturpolitischer Skandal. Ein anerkanntes Wettbewerbsergebnis wird ohne überzeugende Gründe gestoppt. Uns als Urheber wurde die rechtmäßige Beauftragung vorenthalten. Uns wurde somit nicht die Gelegenheit gegeben, unseren Entwurf auszuarbeiten und zu realisieren. Stattdessen hat die Senatsbaudirektorin, Frau Kahlfeldt, ein neues fragwürdiges Verfahren aufgesetzt und unseren Entwurf durch einen neuen, gefälligen Vorschlag ersetzt. Das Vertrauen in öffentliche Planungs- und Wettbewerbsverfahren ist damit massiv beschädigt.“
Wenn man sich die beiden, im folgenden vorgestellten Entwürfe anschaut, wird deutlich, worum es geht: Statt einer kritische-zeitgenössische Reflexion der Figur Martin Luthers geht es nun um ein unkritische Wiederaufstellung des wilhelminischen Denkmals von 1895, wenn auch in vereinfachter, weniger heorisierten Form.
Der neue Entwurf von 2026:

Planungsbüros BASD – Gerhard Schlotter und Claudia Kruschel- Bücker Architekten in Zusammenarbeit mit den Künstlern Maria Vill und David Mannstein
Und hier die Pressemeldung des Senats dazu, welche den Wettbewerb von 2016 und dessen Ergebnis verschweigt.
https://www.berlin.de/sen/stadt/presse/pressemeldungen/pressemitteilung.1690626.php
Der Entwurf von 2016:
https://www.zellermoye.com/projects/luther-memorial

Das neue Denkmal für Martin Luther wird vor der St. Marienkirche im Zentrum Berlins errichtet. Der Entwurf für das zeitgenössische Denkmal greift die Umrisse des historischen Luther-Denkmals auf, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, indem ein Spiegelbild des ursprünglichen Volumens in den Boden eingearbeitet wird. Die gerettete historische Skulptur von Martin Luther wird durch eine neue Version aus Aluminiumguss mit einer spiegelnden Chromoberfläche nachgebildet. Die heroische Geste der Originalskulptur wird in Dialog und Reflexion verwandelt und symbolisiert damit die kommunikative Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Ein Raster aus 10.000 LED-Leuchten übermittelt den Passanten Zitate von Luthers Anhängern als beleuchtete Texte. Als Raum des Lichts wird das Denkmal zu einem Blickpunkt innerhalb des städtischen Raums. • In Zusammenarbeit mit Albert Weis.
Zur Geschichte des Denkmals:
https://de.wikipedia.org/wiki/Lutherdenkmal_%28Berlin,_Marienkirche%29

Lutherdenkmal am Neuen Markt, dahinter der Turm des Roten Rathauses, um 1900